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Inselwinter
Nur der Insulaner kennt seine Insel zu allen Jahreszeiten. Im Sommer, wenn die Touristen die Insel bevölkern und dafür sorgen, dass die Kassen klingeln, ist nur wenig von der ihr eigenen Stimmung zu spüren.
Wenn sich dann die Herbststürme einstellen und die Touristen von der Insel geblasen werden, zeigt sie den wenigen, zurückgebliebenen Fremden ihr wahres einmalig schönes Gesicht.
Weit und ungestört geht dann der Blick über die Nordsee, die Wellen rollen in langen Anläufen mit weißen Schaumkronen den Strand herauf, mit ständig wechselndem Donnern und Rauschen.
Der Himmel hängt tief und grau über der See und die Wolken ziehen mit atemberaubender Schnelligkeit über die niedrigen Dünen hinweg. Wahre Flugkünstler, die wenigen Möwen die sich noch hinaus wagen!
Manchmal treibt der Sturm den Sand vor sich her, schmerzt im Gesicht mit Feuchtigkeit und Kühle. Auf der nicht von den Dünen geschützten Seite der Insel, an den Deichen, steigt die Flut der Deichkrone bedrohlich nahe. Gischt sprüht über das Wasser, feiner Nebel verkürzt die Sicht auf wenige Meter. Gleich kommt der Schimmelreiter!
Bald beginnt die Zeit ablaufenden Wassers, die kommende Ebbe bannt die Gefahr, dass die Wellen die Deichkrone erreichen.
Der Weg zurück zum Dorf ist beschwerlich, der Sturm wird nur wenig durch die im Windschatten der Dünen wachsenden Sanddornsträucher gemildert. Das feine Dünengras bewegt sich mit dem Sturm und bildet Wellen wie ein Meer für sich. Noch ein Stück des Weges am Dünenrand entlang, das ferne Rauschen der Nordsee und das Heulen des Sturmes in den Ohren.
Es wird dunkler. Endlich - die warme Gaststube vermittelt beschauliche Geborgenheit.
Morgen will ich wieder zu den Deichen hinaus
Whisky
oder Melissengeist
Das Wetter ist schottisch, sehr schottisch.
Die Wege schmal und die Schafe haben das Wegerecht. Die Bergspitzen der Highlands stecken in tiefhängenden Wolken, in den Tälern stehen verfallene Bauerngehöfte, die das Melancholische der schottischen Landschaft noch verstärken.
Ein Schild: "Destilleries - Visitors Welcome". Wir lenken das Wohnmobil auf den Hof einer Whiskybrennerei und schließen uns einer kleinen Besuchergruppe an, deren internationale Zusammensetzung auf die Bedeutung des Whiskys in aller Welt schließen lässt.
Ein junger Mann, ohne Kilt, dennoch echter Schotte, was an seinem breiten Schottisch zu erkennen ist, eine Fremdsprache an die man sich erst gewöhnen muss, führt uns gestenreich und ohne Rücksicht auf unsere Sprachkenntnisse.
Der Gewöhnungsprozess dauert bis zu den großen kupfernen Destillierbottichen. Dort fließt das Destillat vor den Augen eines Kontrolleurs durch eine Zähluhr und ab jetzt ist das Gebräu steuerpflichtig.
Der Reifungsprozess wird uns anhand der vielen verschiedenen Holzfässer erklärt und mir wird klar, dass so mancher Whiskyhersteller die Auslieferung seiner ältesten Sorte möglicherweise nicht mehr erleben wird. Bei Whisky spielt Zeit eben keine Rolle, die Lagerzeit um so mehr.
Wir finden uns in einer Probierstube wieder, die mit Bildern der Brenner und vielleicht auch Schwarzbrenner vergangener Generationen in Öl festgehalten sind und probieren in kleinsten Mengen. Wir wollen ja noch fahren. Wir verlassen den Hof der Brennerei mit einer Flasche feinsten Stoffes und fahren weiter in die Highlands.
Es geht bergauf, es ist eng, regnerisch und kalt.
Zwei Fahrradwanderer mit allem Expeditionsgepäck an die Drahtesel gebunden, pausieren in einer Ausweiche. Wir haben ein Herz und beendeten die Jungfräulichkeit unserer Whiskyflasche und verhindern damit vielleicht eine oder gar zwei Lungenentzündungen.
Vielleicht wäre Melissengeist besser, aber wir haben halt nur Whisky.