Abgewickelt

Eine historische Begebenheit, die nur unsere Generation erleben durfte:
Die Wende.
Abgewickelt
Wenn es auch schon lange her ist, so denke ich immer noch, wenn die aktuellen Arbeitslosenzahlen bekanntgegeben werden, an eine Begegnung mit einem jungen Paar aus Thüringen.
Sie waren mit dem Zug über Eisenach nach Fulda gekommen, um der jungen Frau einen Herzenswunsch zu erfüllen. Ihr Begrüßungsgeld hatten sie sich dafür aufgehoben: Eine Jeansjacke sollte es sein !
Leider waren die Kaufhäuser auf den plötzlichen Ansturm auf die westliche Grenzregion nicht vorbereitet und alles, was an Jeans auf Lager war, hatte schon einen Käufer aus der noch real existierenden DDR gefunden.
Die Enttäuschung stand den jungen Leuten im Gesicht geschrieben, waren sie doch der Meinung über den “Westen”, dass man dort jederzeit immer alles kaufen könne.
Ich erbot mich zu helfen. Glücklicherweise passte der zierlichen Frau die größte Jacke aus der Kinderabteilung- Problem gelöst.
Bei einem gemeinsamen Frühstück im Bistro des Kaufhauses erfuhr ich, dass der junge Mann in einer Textilfabrik den Beruf des Färbers ausübte, was seine schwarzblauen Fingerspitzen erklärte.
Sie erzählten mir von ihrer Hoffnung, dass nun alles besser werden würde. Sie würden bald wie im Westen leben können, alles würde doch viel einfacher in ihrem Leben, und endlich seien sie frei!
Der Betrieb, in dem der junge Mann arbeitete, wurde “abgewickelt”. Eine Textilfabrik wurde nicht mehr gebraucht.
Auf der Fläche entstand ein Kaufhaus, in dem man jederzeit alles kaufen kann.
Er aber ist immer noch arbeitslos.