Persönliches gehört nicht ins Netz. Das war die Reaktion auf
diesen Beitrag.
Ich dagegen denke schon, dass dieser Beitrag vielleicht
betroffenen Mut machen kann, zumal Schlaganfälle immer
häufiger immer jüngere Menschen treffen
Es trifft ihn blitzartig. Stechender Kopfschmerz, Schwindel, Erbrechen.
Auch die Erkenntnis: Das ist ein Schlaganfall.
Doch nein, das darf nicht, kann nicht sein. Hinlegen und warten - es geht sicher vorüber.
Zu spät kommt die Erkenntnis, dass dies Zeitverlust ist, der alles nur verschlimmert. Rettungswagen, sonst nur für andere, jetzt für ihn.
Er liegt im Fahrzeug, auf der Trage festgeschnallt, hat Angst, spürt den Schwindel im Kopf und hört die Geräusche im Fahrzeug. An den Kurven erkennt er wo er ist, an der Steigung vor dem Krankenhaus und dem Dunkel der Notfalleinfahrt.
Langes Rollen durch die Gänge, Papierkram, lange kein Arzt. Dann in ein Zimmer.
Die Untersuchungen beginnen, noch kann er sprechen, wenn auch schlecht, doch noch verständlich. Noch kann er sehen und alles um ihn herum aufnehmen. Schwindel. Übelkeit.
Ein Arzt ruft einen anderen herbei. –
Können Sie das fühlen ?
Kopfschütteln. Erschrecken. Heiß - Kalttest. Das linke Bein reagiert. Das rechte nicht.
Bewegen sie das Bein !
Er kann es bewegen, aber es ist kein Gefühl vorhanden.
Schmerzt das ?
Er fährt mit einem Gegenstand über seine Brust. Er fühlt es bis zur Mitte, dann nichts mehr. Der gleiche Test im Gesicht, hier reagiert die Gesichtshälfte der anderen Seite.
Schlaganfall, Insult, oder wie immer es genannt wird, wenn im Gehirn wegen Sauerstoffmangel ein Bereich ausfällt.
Sofort Infusionen. Ein Zugang wird gelegt. Medikamente gegeben und die Verlegung in das nächste, größere Klinikum angekündigt.
Ein CT muss gemacht werden. Es soll Klarheit geben, was geschehen ist. Aber hilft dieses Wissen noch ?
Schlaganfall mit 45 Jahren. Aus, das Leben. Alles was noch nicht erledigt ist wird liegen bleiben. Das Leben ist beendet, ohne tot zu sein. Was bleibt noch ?
Zukunftsängste und die Frage: War das wirklich schon alles ?
Dann die Fahrt zur nächsten Stadt in die Klinik mit neurologischer Abteilung.
Hier angekommen, ist kein Bett frei. Sein Bett wird in ein Dreier - Zimmer in den Gang gestellt. Drei Männer unterhalten sich lautstark, ein Fernseher dudelt und er sieht das Kreuz an der weißen Wand doppelt. Das eine ruhig stehend, das andere auf dem Kopf, langsam drehend sich dem anderen annähernd. Bis die Augen blinzeln müssen, dann fängt das Bild von neuem an sich zu drehen.
Die Ängste, durch die Geschehnisse etwas zurückgedrängt, kommen wieder. Bis zur Verzweiflung, zum Weinkrampf.
Dann mit dem Bett über den Flur zum Aufzug, hinunter in die Kellertiefen der Klinik zum CT. Dort wird er auf einem schmalen Brett festgeschnallt, der Kopf fixiert und langsam in eine schmale Öffnung geschoben.
Angst, die sich zur Angst gesellt, zittern und frieren. Was soll das eigentlich alles noch ?
Die nächsten Räume enthalten weitere Untersuchungsmaschinen, keine wird ausgelassen. Messen und Punktieren. Gefunden: Nichts. Kopfschütteln und wage Erklärungen. Ein Schlaganfall eben.
Es dauert Tage bis ein Patient entlassen wird und er endlich einen Platz mit Nachttisch und Abstellfläche erhält.
Das Sprechen ist zum unverständlichem Krächzen geworden, laufen kann er nicht.
Das Essen wird gefüttert, die Notdurft mittels Bettpfanne erledigt. Trauer, Resignation und Scham. Die Frage: Warum gerade ich ? Niemand beantwortet ihm diese Frage. Vielleicht muss er erst ganz in sein Schicksal ergeben sein, bis sie beantwortet werden kann.
Die Klinikpfarrerin kommt und versucht zu trösten.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir... *
Er wird ruhig und fragt nach Schuld und Strafe.
Nein. Gott strafe nicht, er helfe Prüfungen bestehen. Dies sei eine Prüfung.
Leben mit der Gegenwart, auf die Zukunft zu vertrauen und für sie zu kämpfen, mit Erinnerung die Vergangenheit leben.
Verständnis und Wendepunkt ? Vielleicht ein Wendepunkt in der Auffassung des Schicksals und dessen Annahme.
Die Tage vergehen und das Kreuz an der Wand ist immer noch doppelt, das eine richtig, das andere auf dem Kopf, sich langsam drehend sich dem anderen annähernd. Wird der Zeitraum bis die Bilder zur Deckung kommen kürzer ? Er prüft das Bild ständig aufs neue und hofft auf den nächsten Tag.
Es fehlt das Schmerz- und Berührungsgefühl auf der rechten Körperhälfte, die Motorik der linken Hand ist gestört. Der Gleichgewichtssinn fehlt, der linke Mundwinkel hängt leicht herab, das Gesicht ist verzogen. Das rechte Stimmband ist gelähmt, die Stimme unverständlich. Die tägliche Rollstuhlfahrt zur Logopädin mit kleinen Elektroschocks im Halsbereich sollen helfen.
Die Bewegungstherapie beginnt mit Besuchen im Schwimmbecken, wegen der Bewegungsschwäche der rechten Seite geht es nur auf runder Bahn durchs Becken. Mit dem Rollstuhl zurück in den Fahrstuhl, ins Bett. Tägliche Routine, viele Tage lang.
Sie kommt ihn besuchen, oft, sehr oft, fast immer zu der Zeit, wenn er sich sagt, jetzt wäre es schön, wenn sie käme.
Sie bestimmt: Anziehen, in die frische Luft! Er zieht sich an und lässt sich anziehen, ab in den Rollstuhl und ein Schwung auf den Autositz, den Klinikrolli in den Kofferraum und hinaus zu einem nahen Park.
Seit Wochen hört er außer den Geräuschen des Zimmers, der Klinik und des Rettungshubschraubers, wieder das Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Windes in den Bäumen.
Rollstuhlfahrer werden garstig. So ist es, wenn eine Dauerabhängigkeit von helfender Hand nötig ist. Das Repertoire des Dankes leiert sich aus, nutzt sich ab, wird zum Ritual und versinkt in die Bedeutungslosigkeit. Hilfe ist auch ohne Dank notwendig und wird zwangsläufig zur weiteren Belastung.
Rollstuhlfahrer werden garstig, das war sein Argument der Beziehung die Zukunftsfrage zu stellen, nein, sie zu beenden bevor sie verletzt wird. Bestürzung bei ihr.
Nein, kommt nicht in Frage- den Rollstuhl wirst du bald nicht mehr brauchen!. Liebe Worte und großer Trost. Sie ist stark. Viel stärker als er.
Die Bäume des Parks verwirren, das Bild ist gestört, doch das ist jetzt Nebensache.
Glaubst du wirklich, ich kann es schaffen ?
Ja doch, aber sicher, du schaffst es.
Versuche hinter dem Rollstuhl zu gehen. Wanken wie volltrunken, aber erstes Lächeln im Gesicht. Ja er wird es schaffen, sicher.
Er schafft es.
Nach Monaten des besessenen Kampfes gegen die Behinderung, eifriges fast stures Üben des Sprechens. Kampf gegen die Widerspenstigkeit seiner Hände, die nicht das tun wollen was er will. Laufen üben sooft es geht.
Die erste Autofahrt, eine Fahrt in die wiedergewonnene Unabhängigkeit. Mit größter Vorsicht noch, aber mit steigender Sicherheit. Die Augen sehen wieder, sie haben sich in einem neuen Bereich des Gehirns ein Rechenzentrum geschaffen, es arbeitet fast ohne unerwartete Fehlermeldungen.
Die Finger üben auf der Tastatur des PC, das Gehirn übt mit Programmieren, Schreiben, Gestalten und der PC wird zum unentbehrlichen Freund bei der Überwindung der restlichen Behinderungen.
Er schafft es. Das finstere Tal liegt hinter ihm, die hohe, kostbare Ebene des normalen Lebens ist zurückerobert. Neues Leben, Wiedergeburt in neuer Erkenntnis.
Es bleibt im Bewusstsein, dass jederzeit wieder ein Schlaganfall sein weiteres Schicksal erneut treffen kann.
*Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser*
Die Gegenwart erhält einen neuen Stellenwert, die Vergangenheit wird ausgefüllt mit Erinnerungen, die Zukunft als Herausforderung angenommen. Er wird sie meistern – meistern müssen.
*Aus dem 23. Psalm