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Aqua Alta
Die Toilettenfrau im Palazzo Ducale war so nett mich über das “Aqua Alta”, eine winterliche Plage die Venezianer in regelmäßiger Folge zu durchleiden haben, aufzuklären.
Dabei sprach sie ein unnachahmliches Gemisch aus Italienisch und Deutsch.
Nach erfolgter, staunender Besichtigung des Dogenpalastes mit seinen, den Betrachter in den Bann ziehenden Kunstwerken und dem Wechselbad der Gefühle im Gefängnisbereich erholt sich der Besucher im Kaffe und beim Verlassen des Palastes schaut er vorsichtshalber noch bei den Toiletten in dem großen Torbogen vorbei.
So auch ich.
Die Klofrau: „Leider besetzt, bitte warten Sie hier“
Ich, (aus Erfahrung) mit den nötigen Zeitreserven ausgestattet, beobachte
interessiert das knapp unter der letzten Treppenstufe plätschernde Wasser
des Kanals im Torbogen zur Anlegestelle des Palastes.
Sie, die Klofrau: “Wir haben Flut, das ist immer so bei Flut“
Ich: „Läuft aber fast hier herein!“
Sie: „Im November und Dezember haben wir öfter Aqua alta, manchmal so hoch!“
Sie deutet auf ihre Gürtelhöhe, sie ist nicht besonders groß aber stramm gebaut.
Ich: „Ist ja schlimm“
Sie: „Ja da kann man nur mit Anglerhosen noch durch“
Ich: „Und wer macht nachher wieder sauber?“
Sie: “Na wir! Das Wasser steigt nicht nur aus dem Kanal, sondern aus allen Rohren“
Dafür reicht meine Fantasie gerade noch aus.
Ich: „Schlimme Arbeit!“
Sie: „Man gewöhnt sich an alles“
Ich: „Ist jetzt frei?“
Sie: "Ja bitte“
Komisch, dass ausgerechnet dieses Gespräch mir in Erinnerung geblieben ist, die Namen der vielen Dogen und Künstler dagegen nicht.
La Spina
Zugegeben,40 Jahre älter geworden, ziehe ich heute Hotelferien vor, doch möchte ich keinesfalls die “Campingzeit” vergessen.
Viele Freundschaften aus dieser Zeit sind nicht mehr vorhanden, aber die mit meinem “Italiener” gibt es noch heute!
Das lebenslustige Töchterchen unserer Zeltnachbarn war fast immer am Strand.
Nur zum Essen und nach Einbruch der Dunkelheit saß sie am kleinen runden Campingtisch bei ihren Eltern, so wie es sich für eine brave 14jährige gehört.
Zu Beginn der Mittagszeit, auf dem Campingplatz Miarina di Castagneto, war normalerweise außer Geschirrklappern ziemlich ruhig.
Es war daher schon ungewöhnlich, dass plötzlich ein deutliches Schluchzen uns als diskrete Nachbarn zu Ohren kam.
Als dann noch der Nachbar Hilfesuchend zu uns herüber kam, war klar: etwas Außergewöhnliches war geschehen.
Seine Tochter habe Schmerzen im Bein, stechend und es würde immer dicker und gefühllos, ein Arzt müsse sofort danach sehen.
Nun, einen Arzt während der geheiligten Siesta auf dem Campigplatz zu finden, war, wie sich schnell herausstellte, nicht möglich. Der nächste diensthabende Arzt würde so gegen drei Uhr eintreffen.
Mein italienischer Freund blieb, trotz steigender Aufregung der Eltern, des jammernden Mädchens und der herbeigeströmten Nachbarn erstaunlich ruhig.
Dass er kurz zu seinem Zelt gegangen war, bemerkten wir erst, als er mit einer Plastikschüssel mit einer bräunlichen Brühe darin, erschien.
Darin, so erklärte er gestenreich, solle der Fuß gebadet werden und er garantiere, dass das Mädchen in zwei Stunden wieder an den Strand gehen könne.
Das Bein war inzwischen elefantös angeschwollen, das Mädchen saß mit blassem schmerzverzerrten Gesicht in einem Liegestuhl, die Eltern kaum zu beruhigen, so war dies eine unglaubliche Ankündigung.
Erst als mein Freund bei erfolgreicher Behandlung einen festlichen Spumante- Abend verlangte und bei falscher Diagnose selbst das Fest ausrichten wollte, beruhigten sich die Eltern, das Gesicht des Mädchens entspannte sich und schaute auf die Uhr.
Als es zum Ende des vorgesehenen Zeitraumes deutlich wurde, dass mein Freund sein Fest bekommen werde, wurden bereits die ersten Vorbereitungen getroffen, das Fest würde sofort nach Genesung beginnen.
Als die Zeit herum war, alle Camper sich wieder in Richtung Strand begaben, hielt es unsere „Verletzte“ nicht mehr aus, stand auf und lief mit ihren Freunden davon.
Zur Freude der Eltern war alles gut gegangen.
„Woher wusstest du, dass das Mädchen in zwei Stunden wieder OK sein wird?“ fragte ich meinen Freund.
„Nun, am Strand gibt es Stachelfische im flachen Wasser. So ein Stich tut weh, die Schmerzen und Schwellungen klingen aber nach 2 Stunden normalerweise ab. Das kommt hier gelegentlich vor. Ich habe dafür immer etwas Tinktur dabei.“ Antwortete er grinsend, „Salute!“